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Dr. Karlheinz Weißmann fragte in seinem Einführungsvortrag: "Was ist eine Krise". Zwar sei in der bundesrepublikanischen Gesellschaft in letzter Zeit ein Zuwachs an Optimismus zu verzeichnen; gleichzeitig schrumpfe jedoch der Einfluß des Einzelnen auf die Entwicklungen, eine nur noch auf Wohlstandssicherung ausgerichtete Resignation habe sich breitgemacht. Solche Krisenwahrnehmung ist gleichzeitig Krisenprognose. Allerdings kann diese Prognose und die damit verbundene Aufforderung, am Krisenzustand etwas zu ändern, auf taube Ohren stoßen. Es muß - und das ist die sehr nüchterne Konsequenz aus der Analyse Weißmanns - der richtige Augenblick eingetreten sein, der eine Krise spürbar macht und so Veränderungen ermöglicht.
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Die Biotechnologie denken: Dazu forderte Prof. Dr. Alexander Schuller in seinem Vortrag "Der Mensch - Vom Projekt zum Produkt" auf. Der Mensch habe schon immer mit seinem Körper gespielt, experimentiert und ihn zu einem Projekt gemacht, leicht zu veranschaulichen etwa an den Modewellen durch die Jahrhunderte. Die Biotechnologie reitet jedoch im Vergleich dazu einen Angriff auf die bisher unangetasteten biologischen Koordinaten des Menschen: auf Krankheit, Lebenslänge und - vor allem - Elternschaft. Die Natur als verläßliche normative Größe fällt deshalb aus. Konsequenz: Was machbar ist wird gemacht werden. Dies muß bedacht werden, Ausflüchte und vage Hoffnungen auf irgendeine normative Ethik taugen nichts mehr.
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Der Pädagoge PD Dr. Siegfried Uhl wies in seinem Vortrag "Wir brauchen eine Renaissance der Erziehung" drei Defizitbereiche aus: Es fehlt zum einen der Willen zur Weitergabe formulierter Erziehungsziele. Der Lehrer nimmt sich selbst als berufene Autorität nicht mehr ernst. Es fehlen zum zweiten geeignete Erziehungsmittel: Der ständige Diskurs mit Schülern über alle Benehmens- und Ordnungsfragen ist ungeeignet. Zum dritten sieht Uhl in den Erziehern selbst große Defizite: Zwar wissen sie meist viel, wenn sie von der Universität kommen, der erzieherische Ethos ist jedoch nicht vorhanden. Verstärkt wird die Krise der schulischen Erziehung noch dadurch, daß auch die Institution der Familie wankt.
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Im Nietzsche-Jahr über "Nietzsches Krisen" referierte Baal Müller. Er arbeitete aus der gesundheitlichen und seelischen Konstitution Nietzsches besondere Fähigkeit heraus, Krisen wahrzunehmen, zu entlarven und zu prognostizieren. Bei Kerzenlicht, Rotwein und Käse zeigte der Referent darüber hinaus schauspielerisches Talent, indem er Nietzschezitate mit unterschiedlichen Stimmen las.
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Vor vorschnellen Urteilen über die Instabilität der Offenen Gesellschaft warnte Prof. Dr. Reinhart Maurer in seinem Vortrag: "Offene Gesellschaft, Ende der Geschichte, Ökologische Krise". Die westliche Gesellschaft zeichnet sich durch ihre Offenheit im Hinblick auf individuelle Lebensentwürfe und im Hinblick auf die Zukunft aus. Gegen dieses Grundprinzip gibt es derzeit keinen ernstzunehmenden Gegenentwurf mehr, die Geschichte kristallisiert. Was bleibt ist ein neuer kategorischer Imperativ: "Die Ernährung immer größerer Volksmassen mit immer geringeren Mitteln muß gewollt werden." Daraus folgen aber Vernutzungen der Natur, drohen echte ökologische Krisen. Dies könnte eine der Bruchstellen der Offenen Gesellschaft sein.
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Über „Die Krise der Geschlechter“ sprach Ellen Kositza. Sie hebelte bewußt stereotype konservative Ansätze zu Feminismus und Geschlechterrolle aus. Das moderne Ideal eines zumindest charakterlich androgynen Homunkulus und die daraus erwachsende Rollen- und Identitätsproblematik seien ursächlich für eine Reihe aktueller gesellschaftlicher Krankheitssymptome wie Geburtenrückgang, Scheidungsziffern oder sexueller Desorientierung. Kositza rollte die Geschichte der Frauenbewegung auf und verwies dabei auf die Wechselwirkungen einer seit dem 19. Jhd. verstärkt sich degeneriert äußernden Männlichkeit mit den Emanzipationsbestrebungen der Frau, die sich ihrerseits ihres eigenen Wesens entledigte und heute mit den Forderungen des alltäglichen, mittlerweile institutionalisierten Feminismus offene Türen einrennt. Lösungswege sieht die Referentin in einer Kultivierung geschlechtlicher Differenz, die gleichzeitig zeitgemäß und auf ein traditionales Verständnis zurückführbar sein müsse.
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Den Abschlußvortrag hielt wiederum Dr. Karlheinz Weißmann, Thema: "Die Krise des Politischen oder Was ist Dekadenz?". Der Vortrag endete mit Worten von Denis de Rougemont: "Die Dekadenz beginnt, wenn die Menschen nicht mehr fragen: Was werden wir tun? Sondern: Was wird uns geschehen?" Weißmann schloß seine Frage an: "Also: Was werden wir tun?"
Sie können diesen Abschlußvortrag für fünf Briefmarken zu 0,56 EUR in gedruckter Form beim Institut bestellen.
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